Spitzbergen 2009

Spitzbergen 2009

Bereits vor einem Jahr waren wir nördlich des Polarkreises unterwegs. Doch dieses Mal stand eine „richtige“  Arktisreise auf dem Programm: Sie führte uns bis fast auf 80°N an der Nordküste Spitzbergens. Damit waren wir nun wohl endgültig und offiziell Polar-Fans!

HAMBURG

53°33’N | 10°0’E ● DEUTSCHLAND

Bereits den ganzen Tag lag die MS Europa im Hamburger Hafen. Es musste reichlich Treibstoff und einige Containerladungen Frischwaren gebunkert werden. Denn auf der Reise in die Arktis würde es nicht viele Möglichkeiten geben, um die Vorräte aufzustocken. Und Kreuzfahrtgäste sind ja nicht für ihren kleinen Appetit bekannt.  Bei sonnigem Wetter und zum Sound von „Hey, wir woll‘n die Eisbären seh‘n“ fuhren wir schliesslich die Elbe runter in Richtung Nordsee. In der Nordsee weiss man ja nie so recht, wie stark der Seegang sein wird. Daher war uns die ruhige Ausfahrt ganz recht. 

TORSHÁVN

62°1’N | 6°46’W ● FÄRÖER INSELN

Den gestrigen Seetag verbrachten wir bei angenehmem Wetter teils an Deck. Der Seegang war zwar spürbar, aber kein Problem. So trafen wir um die Mittagszeit in Torshávn, der Hauptstadt der Färöer Inseln, ein. Auf den Färöer Inseln regnet es an 260 Tagen im Jahr. Wir schätzten uns entsprechend glücklich, dass wir einen trockenen, wenn auch bedeckten Tag für unseren Besuch erwischt hatten. 

Bei einer Inselrundfahrt erkundeten wir diverse kleine Orte. Mit den grasbedeckten Häusern wirken diese wie aus einer Märchenlandschaft. Was uns besonders aufgefallen ist, waren die saftig grünen Wiesen und Hügel. Der häufige Regen und die vulkanische Erde sind eine fruchtbare Kombination.

Nach diesem beeindruckenden Tag auf den Färöer Inseln stach die MS Europa wieder in See, Kurs Reykjavik.

REYKJAVIK

64°9’N | 21°56’W ● ISLAND

Auf dem Weg nach Island verbrachten wir erneut einen Tag auf See. Bei mehrheitlich ruhigen Verhältnissen erkundeten wir das Schiff. Besonders spannend war ein Besuch auf der Brücke. Diese ist normalerweise nicht öffentlich zugänglich. Wir erfuhren, wie die Europa angetrieben wird (mit zwei Azipod-Antrieben), wie sie gesteuert wird und weshalb elektronische Seekarten und ihr Papiergegenstück parallel eingesetzt werden (weil insbesondere in der Arktis nicht alle Gebiete elektronisch vermessen sind).

Am frühen Morgen trafen wir pünktlich im Hafen von Reykjavik ein. Wir hatten uns für einen ganztägigen Ausflug entschieden: eine Rundfahrt zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten rund um die isländische Hauptstadt. Der sogenannte Golden Circle umfasst den Gullfoss Wasserfall, die Bruchzone der Kontinentalplatten bei Thingvellir und einen schönen Geysir. 

Der erste Stopp war bei Thingvellir. Hier treffen die europäische und die amerikanische Kontinentalplatte aufeinander. Dass diese Plattenbewegungen nicht immer ganz reibungslos verlaufen, äussert sich in den regelmässigen Erdbeben in diesem Gebiet. Es war aber schon ein spezielles Gefühl, mit einem Fuss in Amerika und mit einem Fuss in Europa zu stehen! Und auch landschaftlich ist diese Gegend sehr sehenswert. Weiter ging’s zum Gullfoss Wasserfall. Dieser ist aufgrund der häufigen Niederschläge wirklich beeindruckend. Nach einem kurzen Fotostopp fuhren wir schliesslich zu einem faszinierenden Geysir. Dieser schiesst etwa alle 10-15 Minuten eine heisse Wasserfontäne in die Luft. Übrigens befindet sich der Namensgeber für den Begriff Geysir ebenfalls auf Island. Der Grosse Geysir ist aber touristisch weniger interessant, weil er nur rund einmal pro Tag ausbricht. 

Nach diesem schönen Tag auf Island freuten wir uns, dass auch am nächsten Tag nochmals ein Island-Tag auf dem Programm stand. So nahmen wir Kurs auf Akureyri.

AKUREYRI

 65°41’N | 18°6’W ● ISLAND

Akureyri liegt im Norden von Island und mit 65°N nur ganz knapp südlich des Polarkreises. Auch hier ist das Erdinnere aktiv und so konnten wir eine Art Mondlandschaft besuchen, wo überall heisse Dämpfe aufstiegen und Schlammtümpel kochten. Das ganze war vom Schwefel gelb-orange gefärbt und war sehr sehenswert. Weil der Boden nicht überall zuverlässig trägt, durften wir uns nur entlang der freigegebenen Wege bewegen. 

Der zweite Stopp war dann in einem Gebiet mit bizarren Lavaformationen. Zwischen den Lavatürmen führten Spazierwege hindurch, welche wir ausgiebig erkundeten. Bei gutem Wetter fuhren wir dann weiter an den Myvatnsee. Wenn man weiss, dass dieser seinen Namen wegen der Milliarden von Myvatn, also Mücken, trägt, die hier brüten, kann man sich etwa vorstellen, worauf man sich einstellen muss. Tatsächlich schwebten über dem Ufer Mückenschwärme, die wie Nebelschwaden ausgesehen haben. Und sobald man den schützenden Bus verliess, war auch die eigene Jacke bedeckt von winzigen Mücken. Gestochen hat uns keine, aber so richtig angenehm war es auch nicht. Also Mund zuhalten… Landschaftlich ist der Myvatnsee aber sehr reizvoll. Zahlreiche grüne Pseudokrater verleihen der Landschaft etwas Unwirkliches, wie wenn jemand ein bisschen zu intensive Farben aufgetragen hätte…

Nach diesem Mücken-Stopp war unser letztes Ziel für heute der Godafoss Wasserfall. Auch dieser war imposant anzusehen. So fuhren wir zurück zum Hafen von Akureyri. Die nächsten Tage würden wir mit Kurs Nord auf See verbringen. 

Und die erste Amtshandlung auf diesem Kurs war am späteren Abend das Überqueren des Polarkreises. Die unvermeidliche Polartaufe fand aber aufgrund des mittlerweile regnerischen Wetters nicht an Deck, sondern in der Europa-Lounge statt. 

ITTOQQORTOORMIIT

70°30’N | 21°58’W ● GRÖNLAND

Per Durchsage von der Brücke wurden wir schon früh aus den Federn geholt: Ein Finnwal in nächster Nähe auf der Backbordseite! Das wollten wir uns natürlich nicht entgehen lassen. Im Gegensatz zu vielen Mitreisenden schafften wir es aber zumindest noch, unsere warmen Kleider anzuziehen. Denn nur im Bademantel wäre das dann doch etwas gar kalt gewesen. Auf jeden Fall war unsere erste Walbegegnung ein wirklich bewegendes Erlebnis.

Doch der Tag hatte noch mehr Höhepunkte für uns bereit. Nur wenige Zeit später wurde der erste Eisberg gesichtet. Es handelte sich um einen in der nördlichen Hemisphäre eher seltenen Tafeleisberg. Dieser war so gross, dass er richtiggehend sein eigenes Wetter produzierte. Denn plötzlich zog rund um den Eisberg dichter Nebel auf und er verschwand komplett aus unserer Sicht. Bei solchen Verhältnissen kann man froh sein, dass man sich nicht mehr wie früher auf Sicht verlassen muss, sondern mit Radar & Co. ausgerüstet ist. Der Nebel bescherte uns dann noch ein weiteres, seltenes Phänomen der Arktis: einen Nebelbogen. Dies ist eine Art weisser Regenbogen, aber halt eben im Nebel statt im Regen.

Das nächste Highlight war dann nach dem Mittag, als wir einen schwimmenden Eisbären sichteten. Dieser war weit weg von unserem Schiff im offenen Meer unterwegs. Und auch wenn man ihn nur mit starkem Teleobjektiv oder Fernglas gut sehen konnte, war unsere allererste Eisbärensichtung doch ein wunderbares Erlebnis!

Dann folgte eine weitere Überraschung. Denn statt auf direktem Weg von Island nach Spitzbergen zu fahren, entschied sich Kapitän Damaschke, Grönland anzulaufen. Unser Ziel für den späteren Nachmittag war die Inuit-Siedlung Ittoqqortoormiit. Bereits die Einfahrt in den Scoresby Sund war traumhaft schön. Immer wieder musste die Europa grösseren und kleineren Eisschollen ausweichen. Denn Eiskontakt ist bei einem Schiff ohne Eisklasse keine gute Idee. Schliesslich konnten wir mit den Zodiacs in Ittoqqortoormiit an Land gehen. Für die Einheimischen war dies ein regelrechter Festtag: Ein Versorgungsschiff und die MS Europa lagen zum gleichen Zeitpunkt vor Anker. So viel Betrieb gab‘s hier wohl noch nie. Wir genossen jedenfalls einen wunderbaren arktischen Nachmittag in Grönland. Im Licht der Abendsonne fuhren wir wieder aus dem Scoresby Sund hinaus, vorbei an riesigen Eisbergen. Und an der einen oder anderen Scholle sah man verdächtige Farbspuren – offenbar hatte die Europa bei der Einfahrt in den Fjord doch den einen oder anderen Eisblock gestreift…

So endete ein traumhafter Tag, der alles beinhaltet hat, was die Arktis so besonders macht. Oder wie es Kapitän Damaschke ausgedrückt hat:  “Mehr geht nicht!“ 

SPITZBERGEN

78°13’N | 15°38’E ● NORWEGEN

Bei zunehmend bedecktem und nebligem Wetter verbrachten wir zwei Seetage auf dem Weg nach Spitzbergen. Unser erster Stopp war in Longyearbyen, dem Hauptort von Spitzbergen. Zwar ist Longyearbyen ein kleiner Ort, doch kommt ihm so etwas wie eine Zentrumsfunktion für die gesamte Inselgruppe zu. Daher gibt es hier eine erstaunlich gute Infrastruktur: Vom Supermarkt mit frischem Obst über diverse Outdoor-Geschäfte bis hin zu Hotels und Restaurants findet sich hier alles. Sogar eine Universität gibt es hier. Trotz Regen konnten wir unseren ersten Tag auf Spitzbergen geniessen. Für die kommenden beiden Expeditionstage nahmen wir zudem zwei Eisbärenwächter mit, die sich mit den Gefahren dieser Tiere auskannten. Denn Spitzbergen ist Eisbären-Land. Und wo man als Mensch nur zu Gast ist in der rauhen Natur, will man natürlich sicher sein, dass dies nicht auf Kosten derselben stattfindet. Daher sind kundige Guides eine Vorschrift, genauso wie ein detailliertes Briefing mit zahlreichen Geboten und Verboten, das wir vor unserer Ankunft erhalten haben. Der Sysselmann, also der oberste Beamte von Spitzbergen, schreibt dies so vor. Kein Briefing, keine Anlandung… Das macht Sinn, ist die Natur hier doch sehr empfindlich und würde Jahrzehnte benötigen, um sich von Schäden durch den Tourismus zu erholen. 

Weiter ging’s dann in Richtung Norden, zum Magdalenenfjord, zum Smeerenburgfjord und zum Liefdefjord. In allen drei Fjorden konnten wir ausgiebige Rundfahrten mit den Zodiacs unternehmen. Das machte trotz Regenwetter enorm Spass. Und obwohl die Sicht nicht so toll war, konnten wir doch die blau leuchtenden Eisberge sehen und umrunden. Offenbar leuchtet das Eis sogar schöner, wenn der Himmel bedeckt ist. Wir genossen die Ausfahrten auf fast 80°N auf jeden Fall sehr. Und dann zeigte sich sogar die Sonne und wir konnten direkt beobachten, wie die Eisberge plötzlich viel weisser erschienen, wenn sie im Sonnenlicht schwammen. Und aufgrund des besseren Wetters konnten wir nun auch die namensgebenden spitzen Berge an der Küste Spitzbergens sehen. Ein wunderbares Panorama, fernab jeglicher Zivilisation.

Leider hatten wir damit den nördlichsten Punkt unserer Reise bereits erreicht und fuhren nun wieder Richtung Süden. Wir wären durchaus gerne noch länger hier geblieben. Doch auch auf dem Weg nach Süden warteten nochmals zwei Highlights auf uns.  

Zunächst fuhren wir nach Ny-Ålesund, einer kleinen Forschungssiedlung an der Westküste Spitzbergens. Immer noch unter den wachsamen Augen unserer Bärenwächter konnten wir uns frei im Ort bewegen. Es gab dort einen kleinen Souvenirshop und vor allem das nördlichste Postamt der Welt. Auch wir konnten es natürlich nicht lassen, Postkarten von hier zu verschicken. In Ny-Ålesund sind stets alle Haustüren unverschlossen, damit man sich im Falle einer Bärenbegegnung rasch in Sicherheit bringen könnte. Diesen Notfallplan mussten wir glücklicherweise nicht beanspruchen. Allerdings hatten wir sehr wohl mit aggressiven Tieren zu tun: Direkt neben dem Postamt nistete eine Küstenseeschwalbe, welche ihr Nest aufs Äusserste verteidigte. An sich würde man ja der Natur den Vorrang lassen und ein Tier niemals bedrängen. Aber der Nistplatz beim Eingang zum Postamt war vielleicht doch etwas unglücklich gewählt. Letztlich endete diese Begegnung aber für alle Beteiligten ohne Verluste. Küstenseeschwalben nisten im Sommer in der Arktis und fliegen dann – oft non-stop – in die Antarktis, wo sie den Süd-Sommer verbringen. Und im nächsten Sommer sind sie dann schon wieder zurück in der Arktis. Damit sind sie Rekordhalter unter den Zugvögeln.

Am Abend stand eine letzte Anlandung auf Spitzbergen auf dem Programm, und zwar in Møllerhafen. Dort hatte die Crew ein aufwändiges BBQ an Land vorbereitet. Auf grossen Feuerstellen wurden Würste und Gulaschsuppe zubereitet. Bei leichtem Regen war es ganz angenehm, sich nicht zu weit vom Feuer zu entfernen. Einen Abstecher zur extra aufgebauten nördlichsten Bar und vor allem ins Lloyd Hotel machten wir aber trotz des bescheidenen Wetters. Das Lloyd Hotel ist eine kleine Schutzhütte, die vor vielen Jahrzehnten von der Reederei Lloyd für Notfälle aufgebaut wurde. Nun ist es Tradition, dass jedes Schiff, das hierher kommt, die Notvorräte wieder auffüllt. Denn tatsächlich übernachtet hin und wieder ein einsamer Wanderer hier. 

Nach diesem sehr speziellen Abend legte die Europa erst nach Mitternacht, aber natürlich immer noch bei Tageslicht, ab und setzte die Reise nach Süden fort. Bei einem sogenannten technischen Stopp verabschiedeten wir in Longyearbyen am nächsten Vormittag unsere lokalen Eisbärenwächter. 

NORDKAP 

71°10’N | 25°47’E ● NORWEGEN

Fast zwei Seetage waren wir unterwegs, bis wir gegen Abend im wunderbaren Abendlicht den Nordkap-Felsen erreichten. Nach dem Abendessen mit Sicht aufs Nordkap legten wir in Skarsvåg, einem kleinen Fischerdorf, an. Mit Bussen fuhren wir, wie schon im Jahr zuvor, zum Nordkap hoch. Und auch dieses Mal hatten wir wieder grosses Wetterglück. Es war sogar viel weniger windig und damit sehr angenehm. 

Von Sonnenuntergang kann man hier zu dieser Jahreszeit eigentlich fast nicht sprechen. Denn kaum war die Sonne am Horizont verschwunden, tauchte sie auch schon wieder auf. So genossen wir lange nach Mitternacht die Abfahrt der Europa noch bei besten Wetterverhältnissen und Lichtstimmungen.

TROMSØ

69°39’N | 18°57’E ● NORWEGEN

Nord-Norwegen machte diesen Sommer gerade eine Hitzewelle durch. Es soll in Tromsø sogar 30°C heiss gewesen sein. Ganz so warm war es bei unserem Besuch nicht mehr. Aber mit 25°C war es immer noch so mild, dass wir im T-Shirt auf den Størsteinen hochgefahren sind. Der Ausblick auf Tromsø und Umgebung war umwerfend schön.

Das schöne Wetter ermöglichte dann sogar, dass wir am Abend eine Party an Deck der Europa feiern konnten. Denn es war nicht nur sonnig, sondern auch fast windstill. 

GEIRANGER

62°6’N | 7°12’E ● NORWEGEN

Einen Seetag später erreichten wir frühmorgens den Geiranger Fjord. Bei tollem Wetter fuhren wir vorbei an den sieben Schwestern, einem resp. sieben Wasserfällen, die sich von den steilen Klippen in den Fjord ergiessen. Hier waren wir ja vor einem Jahr schon einmal und haben damals eine Fahrt auf den nebelverhangenen Dalsnibba unternommen. Da hatten wir dieses Jahr mehr Glück: Bei sonnigem Wetter war die Aussicht wirklich sehr schön. 

Während unserer Landschaftsfahrt hat die MS Europa nach Hellesylt verholt und stand dort bereits zum Einsteigen bereit, als wir an der kleinen Pier ankamen.

BERGEN

60°23’N | 5°20’E ● NORWEGEN

Hatten wir in Tromsø und im Geiranger Fjord mehr Wetterglück als im Vorjahr, so war‘s in Bergen genau umgekehrt. Zwar war das Wetter auch dort trocken, doch bei bedecktem Himmel leuchteten die farbigen Häuser des alten Handelsquartiers Bryggen natürlich gleich etwas weniger stark. Trotzdem genossen wir einen Bummel durch die Stadt. Doch etwas wehmütig waren wir schon, denn Bergen war der letzte Stopp dieser einzigartigen Arktisreise.  

HAMBURG

53°33’N | 10°0’E ● DEUTSCHLAND

Eine verhältnismässig ruhige Nordsee ermöglichte uns nochmals einen schönen Seetag, obwohl nach rund drei Wochen in unserem schwimmenden Zuhause auch das Kofferpacken etwas Zeit beanspruchte.

Bei sonnigem Wetter fuhren wir frühmorgens die Elbe hoch und legten pünktlich kurz vor 08:00 am Grasbrook Terminal in Hamburg an. Wir blickten auf eine wunderbare Reise in den hohen Norden zurück. Wir waren uns einig, dass dies sicherlich nicht die letzte Reise in diese Region bleiben würde. 

Nordkap 2008

Nordkap 2008

In Bezug auf Reisen in die Polarregionen gibt es zwei Arten von Menschen: die einen haben es nach einer Reise gesehen, die anderen werden vom “Polarvirus” infiziert und bereisen diese Regionen immer wieder. Wir gehören definitiv zur zweiten Gruppe. Unsere “Infektion” fand wohl 2008 auf einer Reise mit der MS Europa ans Nordkap statt.

KIEL

54°20’N | 10°8’E ● DEUTSCHLAND

Bereits beim Packen für unsere Nordlandreise mussten wir feststellen, dass Badeferien im Süden kleidungstechnisch einfacher sind. Denn im hohen Norden muss man wettermässig mit allem rechnen: es kann genauso wie in Mitteleuropa 30°C warm sein. Doch ebenso wahrscheinlich sind Temperaturen im einstelligen Bereich – und dann kommt noch der Wind dazu.

Mit viel Gepäck flogen wir von Zürich nach Hamburg. Nach einer Übernachtung ging’s per offiziellem Transfer der Reederei Hapag-Lloyd weiter nach Kiel, wo die MS Europa bereits für uns bereit stand. An sich haben wir für diese Reise nicht das Schiff, sondern die Route ausgewählt. Denn wir wollten unbedingt mal bis zum Nordkap fahren.

Wir haben uns auf der MS Europa sogleich wohl gefühlt. Wie auf allen Reisen fand zuerst die obligatorische Rettungsübung statt. Dieser “Drill” ist sinnvoll, damit in einem – unwahrscheinlichen – Notfall alle wüssten, was zu tun ist. Gerade bei einer Fahrt in kalte Gewässer ist dies enorm wichtig.

So fuhren wir schon bald aus der Kieler Förde raus in die ruhige Ostsee.

KATTEGAT & SKAGERRAK

57°50’N | 9°4’E

Unser erster Tag auf dieser Reise war ein Seetag. Und solange wir in der Ostsee fuhren, war dieser auch schön ruhig und angenehm. Doch kaum hatten wir das Kattegat in Richtung Skagerrak verlassen, nahm der Seegang merklich zu. Die MS Europa stampfte und rollte so stark, dass nach einigen Überschwemmungen an Deck auch der Pool ausgelassen werden musste.

Wir stellten bei dieser Gelegenheit fest, dass Christoph seefest ist, Fabienne aber nicht. Dank des an sich aber sehr guten Wetters konnten wir den Tag unter Wolldecken auf den Liegestühlen im Freien verbringen. Die frische Luft, die Errungenschaften der Reisemedizin und der sich allmählich beruhigende Seegang sorgten dann dafür, dass wir beide das Kapitänsdinner am Abend bereits wieder voll geniessen konnten.

VIK & FLÅM

61°3’N | 6°35’E ● NORWEGEN

Der erste Landgang in Norwegen führte uns in den Ort Vik. Von dort ging’s per Bus zur bekannten Stabkirche Hopperstad. Diese ist komplett aus Holz gebaut und stammt aus dem 12. Jahrhundert. Leider wurde sie bei unserem Besuch gerade renoviert und war zumindest von aussen mit einem Baugerüst verstellt. Auf der weiteren Fahrt nach Myrdal besuchten wir diverse Häuser mit Grasdächern und genossen die schöne Aussicht auf die Fjorde.

In Myrdal bestiegen wir dann die traditionsreiche Flåmsbana, die Bahn von Myrdal nach Flåm. Vorbei am imposanten Wasserfall Kjosfossen fuhren wir über diverse Kehren und durch zahlreiche Tunnels bis nach Flåm. Die MS Europa ist in dieser Zeit ebenfalls von Vik nach Flåm gefahren, so dass wir gleich wieder an Bord gehen konnten.

Kapitän Akkermann informierte uns, dass einer der Azipod-Antriebe der Europa ausgefallen sei. Daher könne die MS Europa nur mit halber Kraft weiterfahren. Spätestens im nächsten Hafen solle das Problem aber behoben werden können.

MOLDE & ÅNDALSNES

62°44’N | 7°10’E ● NORWEGEN

Da unsere Kabine einen Blick nach hinten aufs Kielwasser hatte, konnten wir beim Aufstehen mit Beruhigung feststellen, dass offenbar wieder beide Antriebe funktionierten. Unserer weiteren Reise sollte also nichts im Weg stehen.

Bei wunderbarem Sonnenschein erreichten wir den Hafen der Rosenstadt Molde. Rosenstadt deshalb, weil hier wegen des erstaunlich milden Klimas Rosen wachsen, obwohl diese normalerweise nur weit südlicher zu finden sind.

Mit einer Fähre fuhren wir zunächst auf die andere Seite des Moldefjords. Von dort brachte uns ein Bus über zahlreiche Serpentinen auf den Trollstigen. Trotz mittlerweile bedecktem Himmel war die Fahrt sehr sehenswert.

Unser Ziel war aber letztlich Åndalsnes. Und wie schon am Vortag “verholte” die Europa auch dieses Mal an unseren Zielort und stand in Åndalsnes zum Einstieg bereit.

TRONDHEIM

63°26’N | 10°24’E ● NORWEGEN

Unsere Reise Richtung Nordkap führte uns immer weiter in Richtung Polarkreis. Doch bevor wir diesen erreichten, stand ein weiterer Landgang an der norwegischen Küste auf dem Programm. Auch dieser Tag war wieder sonnig und mild. Hatten wir unsere warmen Kleider umsonst mitgebracht?

Der erste Stopp unserer Rundfahrt führte uns zu einer verlassenen Mine. Mit Helmen ausgerüstet konnten wir diese besichtigen. Auch wenn die früheren Minenarbeiter vielleicht etwas kleiner waren als wir, würde man einen solchen Arbeitsort sicherlich niemandem wünschen. Dennoch war die Besichtigung sehr interessant.

Mit einer alten Eisenbahn fuhren wir dann über Land zurück nach Trondheim. Hier blieb sogar noch Zeit für einen kurzen Stadtrundgang.

LOFOTEN

68°9’N | 13°37’E ● NORWEGEN

We’ve done it! In der letzten Nacht haben wir zum ersten Mal bewusst den Polarkreis überquert. Bewusst deshalb, weil wir auf Flügen nach Nordamerika durchaus schon nördliche Routen jenseits des Polarkreises geflogen sind. Doch auf dem Boden ist das halt was anderes, da man sich viel eher bewusst wird, wo man sich eigentlich befindet. Nun ist es ja nicht so, dass es “auf der anderen Seite” anders aussieht. Doch irgendwie ist es schon ein spezielles Gefühl!

Bei weiterhin traumhaftem Wetter legten wir heute in Gravdal auf den Lofoten an. Die Lofoten machen an einem so sonnigen Tag jedem Strand in der Südsee oder Karibik Konkurrenz – mal abgesehen vielleicht von den Wassertemperaturen.

Über diverse Brücken fuhren wir in einen kleinen Ort mit dem kurzen Namen Å. Nach dem Besuch des Stockfisch-Museums ging’s weiter zum komplett denkmalgeschützten Ort Nusfjord. Dieser kleine Ort ist wirklich malerisch mit seinen gelben und roten Häusern. Das Ufer des Fjordes säumten viele Rorbuer, also Fischerhütten. Heute werden diese teilweise auch als Ferienhäuser genutzt.

Am Nachmittag kehrten wir zurück auf die Europa. Dort wartete eine Überraschung auf uns. Die MS Europa führt 12 Expeditionsschlauchboote, sogenannte Zodiacs, mit. Diese werden an besonders schönen Orten für Ausfahrten genutzt. Und offensichtlich befand Kapitän Akkermann, dass es sich hierbei um einen solchen Ort handelte. So kamen wir zu unserer ersten Zodiacfahrt – und es war uns schnell klar, dass das keinesfalls die letzte bleiben dürfte.

So endete dieser wunderbare Tag auf den Lofoten mit dem Ablegen von Gravdal. Die MS Europa fuhr dem Sonnenuntergang entgegen, weiterhin Kurs Nord. Wegen der nördlichen Breite wurde es gar nicht mehr komplett dunkel.

NORDKAP

71°10’N | 25°47’E ● NORWEGEN

Aufgrund der grossen Distanz zwischen den Lofoten und dem Fischerdorf Skarsvåg am Fusse des Nordkaps war die Ankunft erst am Abend geplant. Diesen Fast-Seetag nutzten wir, um das Schiff ausgiebig zu erkunden. So konnten wir beispielsweise den Maschinenraum besichtigen. Es war faszinierend zu sehen, welche Technik nötig ist, um eine schwimmende Kleinstadt mit rund 700 Personen zu betreiben. Wir lernten, wie aus Salzwasser Süsswasser gewonnen wird, wie Abwasser gereinigt wird, wie der Strom für die beiden Azipod-Antriebe und für das gesamte Schiff erzeugt wird und vieles mehr.

Wären wir wegen der Landschaft Norwegens und den hellen Nächten nicht sowieso schon zu Nordland-Fans geworden, so hätte uns spätestens die folgende Begegnung “den Rest gegeben”. In der Fotogalerie der MS Europa waren nämlich nicht nur Fotos unserer aktuellen Reise ausgestellt, sondern auch der Vorgängerreise. Diese führte die MS Europa nach Spitzbergen – Eisberg- und Eisbärensichtungen inklusive. Einfach traumhaft! Und “unglücklicherweise” stand auch im folgenden Jahr wieder eine solche Expedition Spitzbergen mit zahlreichen Zodiac-Ausfahrten und -Anlandungen auf dem Programm. Wir haben natürlich gleich gebucht. Und so wurde aus einer Reise ans Nordkap letztlich eine Liebe zur Arktis, die uns noch viele Male in diese Region führen würde.

Doch zunächst erreichten wir nun Skarsvåg, von wo uns nach dem Abendessen diverse Busse zum Nordkap fuhren. Das Nordkap gilt als nördlichster Punkt des europäischen Festlandes. Nun ist das Nordkap aber weder der aller-nördlichste Punkt Europas, noch auf dem Festland gelegen. Doch das stört kaum, denn der Felsen ist tatsächlich viel markanter als der eigentlich nördlichste Punkt des europäischen Festlandes. Aus touristischer Sicht ist diese kleine Schummelei also nachvollziehbar.

Am Nordkap gibt es sehr oft Nebel und starken Wind. Währenddem letzterer auch bei uns blies, war von ersterem nur gerade so viel zu sehen, dass es wunderschöne Fotos ermöglichte. Auf jeden Fall verbrachten wir viel Zeit bei der bekannten Nordkap-Kugel und waren zum ersten Mal auf dieser Reise richtig froh um alles, was wir an warmen Kleidern mitgebracht hatten.

Erst weit nach Mitternacht fuhren wir zurück zum Schiff. Weil es draussen immer noch hell war, war natürlich an Schlafen nicht zu denken. So genossen wir noch den einen oder anderen Absacker in der schönsten Bar auf See, der Sansibar, mit Blick aufs Kielwasser.

TROMSØ

69°39’N | 18°57’E ● NORWEGEN

Wenn man vom Nordkap her kommt, dann erscheint Tromsø schon wieder recht südlich. Doch auch diese Stadt, die Paris des Nordens genannt wird, liegt immer noch deutlich nördlich des Polarkreises. Am bekanntesten ist Tromsø für den Hausberg, den Storstein, und für die Eismeerkathedrale. Beides besichtigten wir ausgiebig. Und am Abend veranstalteten einige mitreisende Künstler sogar ein exklusives Konzert in der Eismeerkathedrale.

Wir genossen den Tag in Tromsø sehr und freuten uns, dass Tromsø auch auf der geplanten Spitzbergen-Reise im nächsten Jahr wiederum ein Stopp sein würde.

TROLLFJORD

68°21’N | 14°58’E ● NORWEGEN

An sich stand heute ein Seetag auf dem Programm. Aber der Kapitän liess sich etwas einfallen, um uns auch heute zu überraschen. Denn auf dem Weg lag der kleine, enge Trollfjord. An der engsten Stelle ist er nur 100 Meter breit und daher für grössere Schiffe nicht passierbar. Und auch wenn die MS Europa bei weitem nicht so breit ist, kamen die Felswände doch sehr nahe ans Schiff. Trotz Regenwetters war dies eine gelungene Premiere für die MS Europa – und für uns. Den restlichen Tag verbrachten wir drinnen und genossen das Schiff und die leckeren Mahlzeiten…

GEIRANGER

62°6’N | 7°12’E ● NORWEGEN

Der Geirangerfjord ist wohl das Postkartenmotiv Norwegens schlechthin. Und trotz mittelmässigen Wetters konnten wir die Schönheit der Landschaft geniessen. Mit Wasserfällen, die “7 Schwestern” oder “Freier” heissen, und mit Felsen, die versteinerte Trolle darstellen sollen, ist dies wirklich ein mystischer Ort.

Wir machten einen Ausflug auf den Aussichtsberg Dalsnibba. Wobei sich die Aussicht vom Gipfel auf dichten Nebel beschränkte. Doch die Fahrt hin und zurück war durchaus sehenswert und an der einen oder anderen Stelle auch ziemlich abenteuerlich.

So genossen wir einen weiteren Tag in Norwegen. Wettermässig war uns schon klar, dass dies eigentlich eher typisches Norwegenwetter war als unsere erste, sehr sonnige Woche.

BERGEN

60°23’N | 5°20’E ● NORWEGEN

Bergen hat den Ruf, die Regen-Hauptstadt Norwegens zu sein. Daher waren unsere Erwartungen in Bezug auf das Wetter doch eher bescheiden. Umso erfreuter waren wir, als wir bei strahlendem Sonnenschein und milden Temperaturen in Bergen an der Pier festmachten. Mit dem alten Handelsquartier Bryggen und dem Fischmarkt am Hafen ist Bergen wirklich eine malerische Stadt. Wir genossen einen ausgiebigen Rundgang durch die alten Häuser und Gassen.

Nach fast zwei Wochen in kleinen und kleinsten Orten mussten wir uns zuerst wieder an die vielen Leute gewöhnen, die hier unterwegs sind. Während wir den Tag in Bergen genossen, trat ein Teil unserer Crew zu einem sportlichen Wettkampf an: Ein Fussballturnier gegen die Crew eines anderen, ebenfalls im Hafen liegenden Kreuzfahrtschiffs. Solche Freundschaftsspiele haben Tradition und sorgen im sehr stressigen Arbeitsalltag der Besatzung für etwas Abwechslung.

Wenn man in Bergen weder Sightseeing macht, noch Fussball spielt, dann kauft man sich am besten norwegische Erdbeeren auf dem Markt. Denn diese sind wegen des ausgeglichenen Klimas (Golfstrom sein Dank) und den langen Tagen viel grösser und süsser als ihre südliche Variation.

Die Ausfahrt aus dem Hafen von Bergen, vorbei an den Schären-Inseln, war ein würdiger Abschluss unseres letzten Landgangs dieser wunderbaren Reise.

KIEL

54°20’N | 10°8’E ● DEUTSCHLAND

Von Bergen bis Kiel ist die Distanz so gross, dass man dafür einen ganzen Seetag benötigt. Das war auch gut so, denn so konnten wir die Erlebnisse der letzten Tage nochmals in Ruhe Revue passieren lassen. Und dann stand ja auch noch das durchaus ungeliebte Kofferpacken auf dem Programm.

Doch so sehr uns der Abschied vom Norden und auch von der MS Europa schwer gefallen ist, so sehr freuten wir uns schon auf den nächsten Sommer. Denn dann würden wir von Hamburg aus nach Island, Spitzbergen und Norwegen fahren. Eine tolle Aussicht…!