Churchill Wild 2019

Bereits vor unserer Abreise nach Kanada beobachteten wir das Wetter in Churchill. Bis gegen Ende Oktober war es unüblich mild, so dass wir uns schon fast Sorgen machten, ob denn die Hudson Bay überhaupt rechtzeitig zufrieren würde. Doch kurz vor unserer Ankunft zog eine Kalt- und Sturmfront durch die Region und die Temperaturen sanken auf -20°C. Schnee und Eis sollten also ausreichend vorhanden sein…

REISEVORBEREITUNGEN

Die Gepäcklimiten für den Flug von Winnipeg nach Churchill und weiter in die Seal River Heritage Lodge sind knapp bemessen. Zwar klingt 23kg Check-In-Gepäck und 9kg Handgepäck zunächst nach gar nicht so wenig. Doch wenn man sich vor Augen führt, was alles mit muss (oder soll), dann erreicht man diese Limite ziemlich rasch. Nur schon die obligaten Hand- und Fusswärmer für das -20°C kalte Wetter steuern die ersten Kilos bei. Und beim Handgepäck ist man mit Kameras und Objektiven auch ziemlich rasch an der Grenze. Doch dabei gab‘s für uns dieses Jahr eine Ausnahme: Weil die Reise von NatGeo-Fotograf und Canon Ambassador of Light Charles „Chas“ Glatzer begleitet wurde, durften wir doppelt so viel Handgepäck mitnehmen. Damit hatten auch die grossen Teleobjektive das Ticket zum Mitkommen.

WINTER IN WINNIPEG

49°53‘N | 97°12‘W ● WINNIPEG | KANADA
Wir kamen schon einige Tage früher in Winnipeg an, da sich das mit den Flügen gerade so ergeben hat. Und schliesslich bietet Winnipeg doch einiges, was man unternehmen kann. So verbrachten wir den ersten Tag im Assiniboine Zoo. Eisbären und Moschusochsen im Zoo zu betrachten ist zwar nicht so erbaulich wie in freier Wildbahn. Doch ist der Zoo wirklich schön gemacht. Und die Eisbären, die dort leben sind als Waisen dorthin gekommen. Sie hätten in der Wildnis alleine nicht überleben können. Das relativiert die Haltung dieser Tiere in Gefangenschaft natürlich sehr. Und die Anlage ist sehr grosszügig angelegt und letztlich passt ja auch das Klima durchaus für die Könige der Arktis. Am nächsten Tag unternahmen wir einen Abstecher nach Downtown, der allerdings nur ein mittelmässiger Erfolg war. Wir starteten mit einem Besuch der Hudson’s Bay Company, dem Flagship-Store der grossen Warenhauskette. Doch das Gebäude war alt und in einem sehr schlechten Zustand. Offenbar überlegt sich die HBC, dieses bald aufzugeben. Weiter ging’s über die teils überirdischen, teils unterirdischen Walkways, die sämtliche Gebäude in Downtown verbinden. Denn in Winnipeg ist es im Sommer heiss und im Winter kalt. Daher schätzen diejenigen, die hier arbeiten, wenn sie nicht raus müssen. Was eigentlich schade ist, denn die Stadt hatte ihre Blütezeit anfangs des 20. Jahrhunderts und viele Gebäude sind noch erhalten. Die Strassenzüge dienen sogar öfter als Filmkulisse, wenn man sich im Chicago oder New York der 1920er Jahre wähnen soll. Doch die besagten geschlossenen Walkways führen dazu, dass auf den Strassen im Winter fast niemand unterwegs ist. Hin und wieder trifft man auf einen Obdachlosen, was in Anbetracht des herannahenden Winters durchaus zum Nachdenken anregt. Ein Geheimtipp ist The Forks, ein Markt/Shopping Center/Food Court in einem alten Gebäude beim Bahnhof. Dort wo der Red River und der Assiniboine River zusammen fliessen, kriegt man den besten Kaffee der Stadt… An unserem letzten Nachmittag in Winnipeg fassten wir unsere Polar-Ausrüstung. Denn die Parkas und Hosen von Churchill Wild sind nochmals deutlich wärmer als alles, was man in Mitteleuropa kaufen kann. Und das ist bei den kalten Temperaturen und der langen Aufenthaltsdauer im Freien durchaus sinnvoll. Daher haben wir die Ausrüstung gemietet. Den Abschluss unseres Winnipeg-Aufenthalts bildete das gemeinsame Abendessen mit Chas und dem Rest der “Shoot the Light”-Truppe. Voller Vorfreude gingen wird zu Bett – den Wecker kurz nach 03:00 gestellt.

POLARFÜCHSE, PTARMIGANS, EISBÄREN & CO.

58°46‘N | 94°10‘W ● SEAL RIVER HERITAGE LODGE | KANADA

In voller Expeditionsausrüstung trafen wir uns um 05:00 in der Lobby des The Grand Hotel direkt beim Flughafen (welches übrigens nicht wirklich ein Grandhotel ist, aber sehr komfortabel). Der Flug nach Churchill startete um 07:30 und bereits wenige Stunden später landeten wir im eisigen Churchill. Über Nacht war es so kalt gewesen, dass die Hydraulikleitungen der kleinen Propellermaschine eingefroren waren. Daher verzögerte sich unser Weiterflug in die Seal River Heritage Lodge – man müsse die Leitungen mit einem Bunsenbrenner enteisen. So genau wollten wir das gar nicht wissen. Doch wie immer war die Organisation durch das Team von Churchill Wild top und wir konnten die Wartezeit mit einer Rundfahrt zur Polar Bear Holding Facility, also dem Bärengefängnis, überbrücken. Dort werden Bären einige Tage eingesperrt, die der Stadt Churchill zu nahe kommen, bevor sie dann per Hubschrauber in den Norden ausgeflogen werden.

Schliesslich war unsere Cessna Caravan bereit und wir konnten entlang der Küste zur Lodge fliegen. Die Ankunft war wie ein Nach-Hause-Kommen, denn wir kannten die Mehrheit der Guides und Crew bereits von früheren Reisen. Gleich nach dem leckeren Mittagessen ging’s zum ersten Mal raus. Zwar sahen wir noch keine Eisbären, aber zahlreiche Polarfüchse und Schneehasen. Erst nach Sonnenuntergang kamen wir in die Lodge zurück. Doch der Tag war damit noch nicht zu Ende: Noch vor dem Abendessen gab’s einen kurzen Fotokurs von Chas.

Die folgenden drei Tage standen komplett im Zeichen der Naturerlebnisse. Bereits vor dem Frühstück packten wir unsere Kameras und fotografierten den wunderbaren Sonnenaufgang. Die teilweise zugefrorene Hudson Bay dampfte im warmen Licht der Morgensonne und so entstanden einmalige Erinnerungen und entsprechend tolle Fotos. Auf unseren Wanderungen rund um die Lodge sahen wir erstaunlicherweise nur wenige Eisbären: Doch die Mutter mit dem einjährigen Jungen, die wir lange Zeit beobachten konnten, wog dies mehr als nur auf. Qualität geht eben doch vor Quantität. Als Grund für die wenigen Eisbären vermuteten die Guides den raschen Wetterumschwung eine Woche vorher. Der Einbruch der Kaltluft hat die Bay so schnell gefrieren lassen, dass die Bären wohl schon mehrheitlich auf Robbenjagd waren. Es sei ihnen gegönnt!

Rund um die Lodge sahen wir immer wieder Polarfüchse. Diese gut katzengrossen Tiere mit schneeweissem Winterfell spielten und genossen den Sonnenschein – und liessen sich überhaupt nicht stören durch uns. So konnten wir diese lustigen Tiere stundenlang beobachten und fotografieren. Einfach einmalig! Doch auch sonst meinte es das Wildlife gut mit uns: Wir sahen Schneehühner, sogenannte Ptarmigans, Schneehasen, Cross-Foxes, Rotfüchse und sogar eine seltene Schneeeule.

Die Tage in der Lodge vergingen viel zu schnell. Denn in den Lodges von Churchill Wild stimmt einfach alles: die Natur, die Lodge an sich, die Crew, das Essen. Hier kann man es auch mehr als drei Tage aushalten!

Weil wir weniger Eisbären gesehen hatten als üblich, liess sich Churchill Wild etwas besonderes einfallen. Wir flogen am Abreisetag bereits früher nach Churchill und konnten dort den ganzen Tag auf einer offerierten Tundra Buggy Tour verbringen. Das war ein schöner Abschluss unserer Reise zu den Eisbären, auch wenn wir selbst vom Tundra Buggy aus nur einen einzigen Bären sehen konnten. Doch wir waren mehr als nur happy.

So endete unser Kurztrip in die Wildnis mit einem letzten gemeinsamen Abendessen im Tundra Inn in Churchill und schliesslich mit dem Rückflug nach Winnipeg.

ZURÜCK IN DER ZIVILISATION

49°53‘N | 97°12‘W ● WINNIPEG | KANADA
Weil man in der Arktis ja nie so genau weiss, ob auch wirklich alle Flüge planmässig stattfinden, haben wir zur Sicherheit noch einen Tag in Winnipeg als Puffer eingeplant. Wir nutzten diesen Tag, die rund 6000 Fotos auf ein etwas erträglicheres Mass zu reduzieren. Denn das ist der Nachteil, der modernen, super schnellen Digitalkameras: Einmal den Auslöser drücken, und schon hat man 10 Fotos gemacht. Das erhöht die Chance auf die optimale Aufnahme, führt aber auch dazu, dass man die nicht brauchbaren 9 Fotos aussortieren muss… Trotzdem reichte es noch für einen Abstecher in The Forks. Und dann ging’s am nächsten Tag bereits via Toronto zurück in die Schweiz. Die unglaublichen Erinnerungen werden uns noch lange begleiten. Und eine Wiederholung ist durchaus geplant.